Frühwerk

Stille ist über der Stadt eingekehrt.
Stille in der Erwartung eines großen Etwas.

Wie manchmal Stille draußen hereinbricht.
Vor einem großen Unwetter.

Stille in Erwartung des Schlafes. Vielleicht.
Der mich heute im Stich lässt.

Stille, wie sie eintritt, kurz bevor jemand einschläft
und dann der Klang seines ruhigen, starken Atems den Raum erfüllt.

Diese besondere Stille eben.
In der Erwartung.

Und ich bin gerade erwacht.
Verbrachte diesen Tag in jenem verhängnisvollen Halbschlaf
der Trägheit und Teilnahmslosigkeit.

Aber ich bin gerade erwacht.
Gerade, als ich mich dem Schlaf anvertrauen wollte.
Doch der Schlaf ist gerecht.
Er kommt nur zu den
Redlichen
Treuen und
Gerechten.

Doch das war ich heute nicht.
Redlich und treu und gerecht.

Denn ich habe gestohlen.
Habe mich selbst bestohlen.
Haber mir selbst wertvolle Zeit gestohlen.
Den andern wertvolle Luft.

Und so lange dieses Unrecht nicht ausgemerzt,
wird er nicht kommen.
Ich werde mich hinlegen können, bereit.
Doch er wird nicht über mich kommen.

„Glaubst du noch daran?“
fragen sie mich.
Die Vehemenz dieser Frage lässt mich hochfahren, als hätte ich einen Albtraum gehabt.
Ich blicke um mich und frage mich, wer von all den Betrogenen
mir völlig zurecht
diese Frage stellen könnte
Vielleicht sind es ja alle. Gerade. Im Chor.

„Glaubst du noch daran?“
„Woran?“
„Kannst du dich denn an nichts erinnern?“

Glaube ich also noch daran?
Woran?
Und woher kam die Stille?

Nein. Sie hatte sich nicht über die Stadt gelegt,
sonder sich leis an mein Herz geschmiegt.

Und ich sank.
Noch tiefer.
Hinab.
In mich.

Bis ich es stark, beständig wieder schlagen hörte.
Mein Herz.

Mein Herz
liegt neben mir.
Und schläft.

Doch ich muss dich wecken.
Ich muss dich nur kurz wecken.
Aber das Wecken dauert immer nur kurz.
Und ich hoffe, du schläfst dann gleich wieder.
Lang.
Damit du mich nicht wieder suchen musst. Und dich sorgen.

Und ich wecke dich, und sage dir,
Dass ich noch eine Verabredung habe.

Und scheint’s hat sich die Stille,
die sich leis an meine Herz geschmiegt hat,
auch an deins gelegt.

Und ich öffne dir noch das Fenster,
wo doch draußen noch die Stadt pulsiert.
Und in mir, mein schuldbeladen Herz.

Die Gläubiger sind gekommen.
Sie verlangen Rechenschaft.
Ich kann ihnen nicht ins Gesicht sehen.
Tanzen sie doch nur wie vage Schatten
an der feuerbeschienenen Wand.

„Ich komme“, sage ich und:
„Leise! Mein Herz schläft.“

Und ich lasse also dich hier liegen,
während ich mir ein Herz fasse
und mich stelle.

Die Verhörlampe blendet mich.
Hier bin ich also.
Und sie.
Sie sind auch alle hier.
Alle, die je an mich glaubten.
Und ich schmettere ihnen entgegen:
„Ihr werdet nie aufhören, an mich zu glauben.“

Da fällt mir ein.

Dass nicht meine Gläubiger in Frage stehen,
sondern ich.
Allein.

Und sie sind nicht böse.
Nicht einmal ungehalten.
Kamen nicht zu richten.
Kamen nicht zu urteilen.
Aber sie kamen.
Tief aus mir heraus.
Sind vehement und beharrlich.
Als hätte ich die Frage nicht verstanden,
wiederholen sie:
„Glaubst du noch daran?“
Und ich frage wi(e)der:
„Woran.“
Und sie lassen mir noch ein bisschen von dem
ich heute schon so viel gestohlen und unverhehlt verprasst.
– Der Zeit.

Bis ich des Spiels, das
schließlich
ich
begonnen
überdrüssig werde.
Und nicht mehr gegenfrage.
Sondern endlich Rechenschaft ablege.

Gleißendes
weißes
Licht – hängt von der Decke
und beleuchtet die Unschuld des unbeschriebenen Blatte,
das ich gleich besudeln werde.

Mit meiner Schuld.

„Ich schulde euch so viel!“,
rufe ich ins Nichts aus Weiß.

Doch wie Donner grollte es:
„Es ist gut. Dass du deine Schuld eingestehst.
Einzig, was hilft das uns?
Uns hülfe, wenn du sie tilgtest.“

„Ich werde! Ich verspreche es!“

Wie sich ein Donnergrollen in plötzlichen Regen auflöst,
prasselt es auf mich hernieder:
„Du benimmst dich wie ein schlechter Schuldner.
Vertröstest uns.
Und verstehst immer noch nicht.
Dass mit jedem Tag
deine Schuld nur noch größer wird.“

– Über mich fällt eine Schachtel Finsternis.

Leise tropfen Namen aus der Decke. In meinen Schädel.

Viele Namen.

Ich werde schläfrig.

Man reicht mir eine Zigarette.

Und mit dem Aufblitzen des Feuerzeugs,
explodiert der Raum
in einen unendlich großen
in einen unendlich weiten
in einen unendlich leeren
Saal.
Und ich inmitten.

[t.b.c]

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Du verleihst mir Schwingen,
so dass ich meine, ich könne fliegen.

Du stutzt mir die Flügel,
so dass ich im Sand krieche, wie niederes Gewürm.

Du verhilfst mir zu Sternen
und bist meine Sonne
und du lässt mich vor Kälte erzittern
und mich das Höllenfeuer schauen.

Manchmal fliege ich,
manchmal krieche ich,
manchmal habe ich die Sterne,
manchmal fühle ich die Kälte
und das Höllenfeuer brennt.

Die Sonne scheint mir
und alles bist ja du.
Ich fühle dich aus dir heraus
in mich hinein

und du weißt es erst im Nachhinein.

Du sagst es tut dir leid!
Auch mir tut es leid, dich unter Schmerzen zu spüren.
Doch das hab‘ ich frei gewählt.

Es gibt nichts, was dir leid tun müsste,
denn ich bin stolz,
wortlos beiderseitig,
mit dir mitleiden zu dürfen.

Ist dir nicht auch manchmal so,
als wären wir Zwillinge?

Was der eine fühlt,
fühlt der andere noch stärker.

Du willst es nicht
und doch denkst du in deinem Schmerz an mich.

Und doch ist das Band, das uns verbindet,
stärker, als das des Blutes
und das der Liebenden,
die nur zarte Bande knüpfen.

Du erzählst mir oft von alten Zeiten
und ich, ich spreche nur vom Jetzt.

Doch das, was uns verbindet,
ist älter als die Zeit.

Woher ich dieses Wissen nehme?
Ich weiß es nicht,
es ist nur Ahnung.

Vielleicht schwebten wir eins
gemeinsam
von Stern zu Stern
und machten alle Höllenqualen durch,
um uns zu laben,
und zu wappnen,
für dieses Leben – hier und jetzt.

Du bist mir doch,
vertraute Seele,
nicht umsonst die Sonne hier.

So mach ich alles,
ohne Worte durch
mit deinem Herzen
und mit dir.

Frei, wie der Falke unterm Himmel,
kommt der Entschluss von irgendwo:

Es gibt nichts Schöneres auf Erden, als
mit dir zu lachen und zu werden,
was wir zwei Seelen einmal sind.

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TRINKEN BIS ZUM
MORGENBLAUEN
IN MASSEN GENOSSEN,
DER WAHRHEIT
ANS LICHT GERÜCKT

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Der Trug
schien
beim Fenster herein
und spiegelte sich
an der Türklinke wider.

Die Türklinke wiederum
trog
in ihrem Messingschein,
war nicht geputzt.

Kam mir vor
wie ein spätsommerlicher
Sonnenstrahl.
Der aber nicht schien,
sondern trog,
wie es schien.
In der Türklinke,
mit der Türklinke,
durchs Fenster gefallen
mit der Tür ins Haus.

Der Schein trügt eben doch.

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Nichts ist.

– Wie es scheint.

Nichts ist wie es scheint,
nur am Grund des Brunnens
widerleuchtet
fahl und blass
der Mond.

Und blickst hinab
siehst du
im Grunde
den Mond
wie oben,
da er still die ewig gleichen Bahnen zieht.

Trügt er nun,
der Schein?

Nichts scheint, wie es ist.

Nichts scheint.
Wie es ist.
Es ist.

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Ich hafte
an der Zeit,
in der Zeit,
so wie die Gravitation mich zwingt,
am Boden
zu haften.

Die Zeit,
die Zeit,
wie sie mich am Boden haften macht.

Würde doch lieber hoch fliegen
wie meine Gedanken,
und schweben,
doch die Zeit
– die
irgendwie

nicht Vorhandene,
doch Zehrende,
zwingt mich

nicht zu schweben,
da ich doch schwebe.

Blatt als Boden.
Blatt Papier?
Viel gefürchtetes Zifferblatt –

Die Antwort,
näher betrachtet
(hingesehen)
– trachtend nach der Frage
ist doch,
die Frage selbst.

Abgewandtes Kinn
ist mehr Antwort als Frage

Zunge?
Sprichst du?
Zunge!

Es spricht zu mir,
abgelöst,
der Atem
und die Röte
auf Wangen,
weich.
Keine Worte mehr.

Schädelbrausende Worte,
die Zunge will sie formen
die Antworten die Fragen stellen,
die Zunge schreit:
Nimm!
Der Boden nimmt
in seiner Bodenlosigkeit Form an
und schwankt
– letztendlich.

Neue Facette des Blicks zu Boden,
auf den Boden.

Wie oft hab ich hingesehen?
Bodenlos.
Kein auf den Hund kommen in Sicht.

Weit und breit der Boden
auf dem ich säe.

Schau nochmal hin
in diesen bodenlosen Blick,
der unverändert,
und erst im letzten Augenblick,
verliert er sich,

der Boden
unter den Füßen
und weichen Knien.

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Lass uns den Kelch der Gnade nehmen
und Liebe daraus trinken.

Lass uns den Kelch der Liebe nehmen
und Leben daraus trinken.

Lass uns den Kelch des Lebens nehmen
und Lachen daraus trinken.

Lass uns den Kelch des Lachens nehmen
und Sehnsucht daraus trinken.

Lass uns den Kelch der Sehsucht nehmen
und Gnade daraus trinken,
dass wir uns bald schon
in die Arme wieder sinken.

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Da geht sie unter, die Sonne,
in ihrem schönsten Rot und Blau und Violett,
mit allen Zwischentönen.

Den Wolken schmeichelnd,
die Farben tragend
und noch Stunden wird es dauern,
für das geübte Auge,
bis die inigoschwarze Nacht
sich über unslegt.

Der Tag in meinem Herzen
währt nur kurz,
die Dämmerung meines Geistes
hält an
und die Schwärze meiner Nächte
kann keiner überbieten.

Da heißt es dann immer,
„geistig umnachtet“,
doch die Nacht des Geistes
ist meist die Nacht des Herzens.

Wenn das Herz kein Rot mehr sieht
und der Geist kein Gletscherblau,
dann ist alles verloren.

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I

Die Bewusstlosigkeit schlägt mir um die Ohren,
wie der Nebel eines kalten Novembertages.

Langsam und trüb kommt mir die Erinnerung,
dass ich mich an nichts erinnere.

II

– Dunkel und verschwommen erinnere ich mich dann doch:
ich hatte viel vor.

Und da blendet mich der Strahl der Bewusstheit:
Nichts von dem ist getan.

III

Der Blick der Bewusstheit, bewusstlos zu sein,
wird immer klarer.
Der tiefen Unzufriedenheit,
ziehe ich die Bewusstlosigkeit vor,
oft bewusst herbeigeführt,
anstatt aus einer Reihe von Übersprungshandlungen
echtes Handeln werden zu lassen.

IV

Brauche ich jetzt den Nebel noch,
da ich mit einiger ernsthafter Zuwendung
und doch hindurchsehe?

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Wo ist der Sommer
Wo der Herbst?
Wo der Anfang
– wo das Ende?

Wo ist das Gestern
wenn ich über das Heute
zum Morgen schreite?

Wo ist der erste Gedanke,
wenn ich den Platz
zwischen Schlafen und Wachen verlasse?
Wo der Ort, an dem die Träume noch bei mir sind?
– dieser Garten der Offenbarung?

Wo – in all der Zeit –
bin ich gestorben?

Und habe nicht einmal bemerkt,
dass ich tot bin?

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Wo denkst du hin,
vermeintlich einsames Herz?

Du denkst
dich in andere Herzen.

Du denkst
du seist einsam.

Du schleichst
dich langsam hinein,
in die Herzen anderer.

Langsam und sorgsam.

So viele Herzen in denen du bist.

Wo denkst du hin,
vermeintlich einsames Herz.