Frühwerk

Die Anmut eines Bussards möcht ich haben,
wenn ich einst, ganz leis, mit starken Schwingen
sanft entschwebe,
weg, aus dieser Welt.

Die Schönheit eines Regenbogens möcht ich haben,
wenn ich einst, ganz leis, mit starken Farben
sanft verblasse,
weg, aus dieser Welt.

Den Mut eines Kindes möcht ich haben,
wenn ich einst, ganz leis mit starkem Willen
sanft entwachse,
heim, in meine Welt.

———————-

Etwas ist geschehen.
Etwas.
Etwas denkt.
Es denkt mich zurück.
Zurück in die Vergangenheit
und doch ist mir so, als dächte es
nach vor.
Es denkt.
Es denkt mich.
Es kann nicht anders.

Zeitverächter wie wir sind.
Weigern uns,
doch lieben wir sie.
Kennen sie,
fühlen ihren Puls,
der auch uns durchströmt.
Warm und kalt,
fließend,
Wasser.

Und betrachten sie,
wie die Geliebte,
die neben uns liegt.
Kennen sie.
Ihren Puls,
ihren Atem.
Brauchen nicht erst danach zu suchen.

Zeitverweigerer
– und doch:
Mit einem Ohr an der Zeit,
mit zwei Fingern an der Halsschlagader.
Nüchtern,
wie der Arzt beim Hausbesuch.
Sachlich.

Und reißt uns fort
und reißt uns mit
und stehen wie die Felsen in der Brandung.
Zeitengischt,
spritzt uns ins
Gesicht.

Heben nicht die Hand,
um weg zu wischen
was uns in den Augen brennt,
unter den Fingernägeln.
Etwas ist geschehen.

Und wir schweigen immer noch.
Ist es schon zu spät, zum Schreien?

Stehen wie die Felsen in der Zeitenbrandung
und das Getöse schluckt unsere Stimmen.
Unsere schwachen Stimmen schluckt es
und ist schon wieder Tagesordnung geworden.

Tagesordnungsgetöse.
Tagesordunungsgedöse.

Wachgeretüttelt
und wieder zurück gesunken

in den Halbschlaf,
den die Anderen mit „Leben“ verwechseln.

Noch einmal dastehen?
Felsenbrandig?
Sich all das gegen die Brust donnern lassen?
Wieder?
Und immer wieder?
Wie oft noch?

Gegen die Brust donnern lassen,
diese Urgewalt.

Vereinzelt
in der Brandung,
giftschpritzende Zeiten
sich gegen bebende Brust donnern lassen,
stimmlos
lautlos
lauthals
schreiend
ungehört.

Felsen in der Zeiten Brandung.
Felsen in der Zeitenbrandung,
sich die Hände reichend.

Berge versetzen.
Sich aufeinander zubewegen.

Händereichend,
leichter stehend
was uns da entgegen donnert.

Etwas ist geschehen!
Schau!

Die Andern schlafen schon wieder.
Tagesordnungsgedöse.

Engel!
Wacht auf!
Bleibt jetzt wach.
Felsen!
Reicht euch die Hände!
und führt es zum Guten.

———————–

Gestoßen
in das Los der Wirklichkeit.
Gepresst
in die Kälte der Welt.

Da stehe ich nun.
Wo stehe ich?
Eigentlich.

Wirklich?
Wirk – lich?
Eigentlich?
Eigen – tlich?

eigen – selbst
selbst – wirklich

Wirklich und wahrhaft.

Wahrhaft?

Was ist die Wahrheit
in Anbetracht des
Loses der Wirklichkeit?

Was
be –
deutet
die Suche
nach
der Wirklichkeit
der Eigentlichkeit
der Wahrhaftigkeit
der Wahrheit

der Welt?

Im Anfang war
– der Schmerz.

Und aus dem Schmerz
ist Staunen geworden.

Aus dem Staunen
Verwunderung

Verwundbarkeit –
und wieder Schmerz.

Aus der
– nicht weiter verwunderlichen
Verwunderung
Kälte.

Aus der Kälte
der Tod der Seele.

Und es schließt sich
der Kreis des
Lebens.

————————

Es ist Zeit.

Ich lausche in die Nacht
und höre den Ruf.

Es ist Zeit.

Ich blicke dich an
und du sendest mich einmal mehr.

Es ist Zeit.

Einmal mehr
haue ich eine Gasse durch den Morast meiner Selbst.

Es ist Zeit.

Es dauert mich
immer und immer wieder, dieses Zerschlagen müssen.

Es ist Zeit.

———————

Liege noch immer da,
auf meiner Bettstatt,
meinem Krankenlager,
die Wunden klaffen, eitern, – schwären…
Nichts wird besser.

Ich liege und träume,
von meinem eisenumschlossenen Herz,
das sie aufbrechen will,
die ehernen Riemen.

Schlägt es auch ungestüm und schnell,
so sind die Knechte da,
die Riemen wieder fest zu zurren,
noch enger zu schmieden.

Dennoch träumt es weiter.
Mein Herz, von dem ich träume,
dass es träumen mag,
den einen. Den ewigen.

Den Traum von Freiheit.

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Samt
-ig
hüllt die tiefe Nacht
uns ein
und sonder-
liche
Gestalten finden
den Weg hinaus.
Nacht -falter und Eulen
breiten ihre Flügel aus
und atmen
schwarze Luft.-
Schlösser bauend
trifft der Wolf den Bären
nur für solange
bis die Schwärze schwindet
und sie sich müde wieder verkriechen
in ihre Höhlen-
menschen sind sie doch tiergleich
Wesen der Nacht.

———————–

Mir war,
mir ist –
nach tiefem Schwarz.
Nach all den Skeletten,
halb noch sehnenüberzogen.
In den Katakomben.
Kellergewölbe bis zur Decke voll mit ihnen.
Leichen im Keller.
Verwesungsgestank.
Dieser dort! – Er regt sich noch!
Hilfeschreiend recken Arme sich uns entgegen.
Helft!
So helft ihm doch!
Man drängt mich weiter.
Immer mehr von den lebendig Verwesenden
oder verwesend Lebendigen.
Weiter.
Man lässt mich nicht zu ihnen.

Schließlich mauert man sie ein.
Mit einem Priester.
Der enttäuschten Blicks zu mir empor schaut
und mit einem Kopfschütteln, das – wie ein Speer –
ins Herz trifft,
entzieht er sich meines Blickfeldes.

——————

mein leben in spiralen
aus der endlichkeit
in die unendlichkeit
aus der unzeitlichkeit
in die ewigkeit
der kreis ist wie die zeit nur illusion
einzig wahr in ihrem bedürfnis
sich zu schließen ist:
die helix
sie schließt sich nicht
sondern eröffnet immer neue stufen
im sein
nichts ist jemals wieder so
wie es einmal wa(h)r
auch wenn wir uns hie und da
und dann und wann
erinnert fühlen
so ist es doch ganz anders
irgendwo in zeit und ort

darüber

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I

Das Schweigen endet,
die Stille mündet.

Die Fragen kehren wieder.

Der Friede endet,
die Ruhe schwindet.

So beginnt ein neuer Kampf.

Das Schweigen endet
und somit mündet die Stille
in zurückkehrende Fragen,
wodurch die schwindende Ruhe
den Frieden beendet
und der Kampf aufs Neue entbrennt.

Denn brennend die Fragen
im Feuer der Liebe, die nicht sein darf, was sie ist.
Ein glühend Herz
und kühler Verstand,
wie Katz und Pech
und Hund und Schwefel.

Hoch schwingen sie sich auf
über den Kampfeslärm,
nur leidlich verborgen
durch anscheinend große Gedanken.

Die umso größer werden,
je mehr der Verstand
dem Herzen sein Glühen verbietet,
die Liebe die sein will,
was sie nun einmal ist.
Schützen will er,
was so schwach und verletzbar.
Um Frieden bemüht,
die unausweichliche Frage:
Darf ich Dich lieben?

Die Kühle schreit
Nein,
das Feuer meint
Vergeblich.

Der Kampf verliert sich im Gewinnen,
der Graben,
gebaut aus Selbsttäuschung,
hält kaum noch stand.

Im verbissenen Schweigen,
das nicht loslässt,
was zu sagen wäre,
formuliert sich ein Wort.

Doch Feigheit vor dem Feind,
der keiner ist,
das Geheimnis liegt im Gegenteil,
lässt das Wort im Verschwommenen.

Nur nicht zugeben,
nur nicht zulassen,
schon gar nicht das,
was ein Blinder
ohne Stock
sehen kann,
was so eindeutig,
dass darüber schon die Fremden schmunzeln.

Wäre da nicht das untrügliche Wissen,
eine Symptomatik,
doch ohne Krankheit.

Aus tiefsten Tiefen
herauf steigt es,
lässt Spuren der Verheerung zurück
ob der Unfähigkeit eines Eingeständnisses,
dessen es gar nicht bedarf,
weil es eigentlich Wissen ist.

Und dennoch kann es nicht anders,
als zu toben und zu ringen,
mühsam sich an der Seele heraufrankend,
sucht es den Weg,
den Weg in die Freiheit.

Und das Wort setzt sich hinweg
über brennende Fragen,
kühlen Verstand,
glühendes Herz,
Kampfeslärm und verbissenes Schweigen.
Um schließlich zu kommen ans Licht:
Mein Gott! Ich liebe Dich!

II

Was kommt danach,
nachdem das Wort gesprochen?

Da ist sie wieder,
die Stille,
das Schweigen.

Ein beschleunigtes Herz,
horchend auf Antwort.
Wie Zeiten des Kampfes doch
fruchtbringend sein können
und furchtbar.

Ein Land nur auf der Karte zu erfahren
und zu sagen, so wird es sein,
ist etwas gänzlich Anderes.
Ein Wort vorauszuschicken,
zu formulieren, doch ohne empfangendes Ohr,
kommt dem gleich.

Schweigen im Felde,
die Waffen gesenkt,
lauschend auf die Frage,
das Wort danach.

Fragend blicken sie der Friedenstaube nach,
weicher in den Knien, als im tobenden Kampf,
wo eine andere Stärke zählt.

Bloßgestellte Schwäche,
eingebildete Schwäche,
schwach werden
im Antlitz der Schwäche.

Weder kämpfen können sie,
noch friedlich sein,
auf Grundlage von was?

Kühler Verstand
und bangend glühend Herz
stehen einander rat-
und rastlos
ganz entwaffnet und
entwaffnend gegenüber,
verdutzt über den vermeintlichen Mut
des Besitzers.

„Was tun“, sprach Zeus,
„die Götter sind betrunken.“
Und trunken vom Taumel
der Gefühle
der Lawine von Gefühlen,
bin auch ich.

III

Was ist erlaubt,
im Garten der Liebe?
Wie weit kann man gehen
und wie weit reicht er?

Und ist alle Liebe
der gleiche Garten?

Gibt es auch hier Schilder,
die darauf lauten:
Rosenbett betreten verboten?

Kann jemand,
der nicht Gärtner ist,
denn überhaupt vom Garten sprechen?

Sprechen denn nicht viele
über Dinge, die sie nicht verstehen?

Darf man denn dann hier
ungestraft lustwandeln?
Und ist nicht das ganze Leben
dieser Garten, dieser eine,
der Garten der Liebe?

IV

Zurück in der Wirklichkeit
bleiben noch viele
Fragen zurück.

Und die Ungewissheit
wird zur Gewissheit:

Die Fragen sind
der Kampfeslärm.

In der Realität
wird alles relativ
nur das eine nicht:
Wie wird es weitergehen?

Und da beschleicht mich eine Angst:
Wird es jemals weitergehen?
Und sind es nicht die Worte an Dich,
die mich ängstigen?

Nein, nicht Worte sind es,
die mich ängstigen.
Das Gefühl in seiner Unbedingtheit,
dass ich es zugegeben habe,
dass ich fühle.

Und die Angst vor der Angst.


Es ist der Funke Ich
im Du,
der uns verbunden macht.
Hingesehen und erkannt,
wie in einem Spiegel.

Spiegelungen der Seele,
oft in einem Augenblick.
Oft nicht länger während.

En passant
das Ich im Du erkennen,
still sich freuen,
weitergehen
und dennoch fühlen,
es hat Sinn.
Zu sehen und zu schauen.

Manchmal trägt der Funke Ich im Du
zwei Menschen aus der Ewigkeit
hin zur Unendlichkeit.
Und der Funke wächst zur Glut
und Feuer bricht aus.

Dann weht der Wind zu heftig.
Der Wind,
der uns entgegen bläst,
das Feuer schürt und dämpft.
Dann bleibt die Glut
und ist selbst sie verzehrt,
dann bleibt der Funke,

der sich still,
schon lange aufgemacht,
auf seine leise Reise.

Sucht erst gar nicht,
lässt sich nieder,
dort wo er erkennt:
Hier ist ein Funke Ich
im Du.

Kein Feuer brennt ewig,
keine Glut wärmt ewig,
einzig der Funke,
aus dem wir sind,

angehaucht vom Odem
des ImmerLiebenden.
Angerührt von seiner Idee.

Wenn das Auge bricht,
dann weicht der Funke,
kehrt heim
zu Ewigen Feuer,
das niemals sich verzehrt,
weil es ewig ist
und lodert.
Von ferne nur,
sonst würden wir vergehn.

Und doch ist diese Kraft
manchmal so nah,
brennt im Du
im Ich
im Wir

und wenn es geht,
dann wird es kalt.

Der Funke ist schon auf der Reise.

Er will heim
ins Du.

Du, du, du.

Wenn das Auge erst gebrochen,
wenn tot, was da lebendig war
(wenn es Ich Funken im Du Menschen sind, haben sie sogar gelebt)
und der Funke dann fliegt
hin zum EwigLodernden
und ankommt,
wird er sich umwenden
und lachen.
Sein Gelächter wird ihn schmelzen,
dann erst ist er ganz daheim
und wird schon vergessen haben,
was er sagend fragen wollte,
bei seinem Blick zurück nach vorn:

Alles das bin ich?

 


Stille ist über der Stadt eingekehrt.
Stille in der Erwartung eines großen Etwas.

Wie manchmal Stille draußen hereinbricht.
Vor einem großen Unwetter.

Stille in Erwartung des Schlafes. Vielleicht.
Der mich heute im Stich lässt.

Stille, wie sie eintritt, kurz bevor jemand einschläft
und dann der Klang seines ruhigen, starken Atems den Raum erfüllt.

Diese besondere Stille eben.
In der Erwartung.

Und ich bin gerade erwacht.
Verbrachte diesen Tag in jenem verhängnisvollen Halbschlaf
der Trägheit und Teilnahmslosigkeit.

Aber ich bin gerade erwacht.
Gerade, als ich mich dem Schlaf anvertrauen wollte.
Doch der Schlaf ist gerecht.
Er kommt nur zu den
Redlichen
Treuen und
Gerechten.

Doch das war ich heute nicht.
Redlich und treu und gerecht.

Denn ich habe gestohlen.
Habe mich selbst bestohlen.
Habe mir selbst wertvolle Zeit gestohlen.
Den andern wertvolle Luft.

Und so lange dieses Unrecht nicht ausgemerzt,
wird er nicht kommen.
Ich werde mich hinlegen können, bereit.
Doch er wird nicht über mich kommen.

„Glaubst du noch daran?“
fragen sie mich.
Die Vehemenz dieser Frage lässt mich hochfahren, als hätte ich einen Albtraum gehabt.
Ich blicke um mich und frage mich, wer von all den Betrogenen
mir völlig zurecht
diese Frage stellen könnte
Vielleicht sind es ja alle. Gerade. Im Chor.

„Glaubst du noch daran?“
„Woran?“
„Kannst du dich denn an nichts erinnern?“

Glaube ich also noch daran?
Woran?
Und woher kam die Stille?

Nein. Sie hatte sich nicht über die Stadt gelegt,
sondern sich leis an mein Herz geschmiegt.

Und ich sank.
Noch tiefer.
Hinab.
In mich.

Bis ich es stark, beständig wieder schlagen hörte.
Mein Herz.

Mein Herz
liegt neben mir.
Und schläft.

Doch ich muss dich wecken.
Ich muss dich nur kurz wecken.
Aber das Wecken dauert immer nur kurz.
Und ich hoffe, du schläfst dann gleich wieder.
Lang.
Damit du mich nicht wieder suchen musst. Und dich sorgen.

Und ich wecke dich, und sage dir,
dass ich noch eine Verabredung habe.

Und scheint’s hat sich die Stille,
die sich leis an meine Herz geschmiegt hat,
auch an deins gelegt.

Und ich öffne dir noch das Fenster,
wo doch draußen noch die Stadt pulsiert.
Und in mir, mein schuldbeladen Herz.

Die Gläubiger sind gekommen.
Sie verlangen Rechenschaft.
Ich kann ihnen nicht ins Gesicht sehen.
Tanzen sie doch nur wie vage Schatten
an der feuerbeschienenen Wand.

„Ich komme“, sage ich und:
„Leise! Mein Herz schläft.“

Und ich lasse also dich hier liegen,
während ich mir ein Herz fasse
und mich stelle.

Die Verhörlampe blendet mich.
Hier bin ich also.
Und sie.
Sie sind auch alle hier.
Alle, die je an mich glaubten.
Und ich schmettere ihnen entgegen:
„Ihr werdet nie aufhören, an mich zu glauben.“

Da fällt mir ein.

Dass nicht meine Gläubiger in Frage stehen,
sondern ich.
Allein.

Und sie sind nicht böse.
Nicht einmal ungehalten.
Kamen nicht zu richten.
Kamen nicht zu urteilen.
Aber sie kamen.
Tief aus mir heraus.
Sind vehement und beharrlich.
Als hätte ich die Frage nicht verstanden,
wiederholen sie:
„Glaubst du noch daran?“
Und ich frage wi(e)der:
„Woran.“
Und sie lassen mir noch ein bisschen von dem
ich heute schon so viel gestohlen und unverhehlt verprasst.
– Der Zeit.

Bis ich des Spiels, das
schließlich
ich
begonnen
überdrüssig werde.
Und nicht mehr gegenfrage.
Sondern endlich Rechenschaft ablege.

Gleißendes
weißes
Licht – hängt von der Decke
und beleuchtet die Unschuld des unbeschriebenen Blattes,
das ich gleich besudeln werde.

Mit meiner Schuld.

„Ich schulde euch so viel!“,
rufe ich ins Nichts aus Weiß.

Doch wie Donner grollt es:
„Es ist gut. Dass du deine Schuld eingestehst.
Einzig, was hilft das uns?
Uns hülfe, wenn du sie tilgtest.“

„Ich werde! Ich verspreche es!“

Wie sich ein Donnergrollen in plötzlichen Regen auflöst,
prasselt es auf mich hernieder:
„Du benimmst dich wie ein schlechter Schuldner.
Vertröstest uns.
Und verstehst immer noch nicht.
Dass mit jedem Tag
deine Schuld nur noch größer wird.“

– Über mich fällt eine Schachtel Finsternis.

Leise tropfen Namen aus der Decke. In meinen Schädel.

Viele Namen.

Ich werde schläfrig.

Man reicht mir eine Zigarette.

Und mit dem Aufblitzen des Feuerzeugs,
explodiert der Raum
in einen unendlich großen
in einen unendlich weiten
in einen unendlich leeren
Saal.
Und ich inmitten.

Vor mir eine Leinwand.
Leise Tropfen. Namen. Von der Decke. In meinen Schädel.

Und wie grelle Blitze
zuckt vor mir
bei jedem Namen
das Gesicht
des Menschen,
der ihn trägt.

Ich wende mich ab.
Die Namen dröhnen in meinem Schädel.
Es sind so viele.

Wohin ich auch blicke,
blickt tief in mich
ein Paar Augen.
Augen, die mir einst vertraut.
Waren.
Noch sind.

Ich berge meinen Schädel in meine Arme
und schließe meine Augen fest zu.

Wo bist du?
Dass ich mich tief in dir bergen könnte?

Doch jeder Tropfen ein Gesicht.
Und ich schreie:
„Ich gestehe!“

Und das Tropfen und die Gesichter – Blitze hören auf.

Stille.
Liegt über der Stadt.
Wie in Erwartung.
Eines großen Etwas.

Ich gehe zum Fenster und blicke hinunter auf die leere Straße.
Kein Mensch.
Ein Hund.
Kein Stäublein.
Sonst.
Nichts.

Fahl leuchtet die Sonne, als wäre sie zu müde zum Scheinen.

Fauliger Geschmack auf meinem Gaumen.
Und plötzlich weiß ich:
Es ist Nacht.

Ich eile.
Um nach dir zu sehen.
Doch du bist nicht da.
Ich suche dich.
Doch du bist nicht da.
Ich rufe dich.
Doch du bist nicht da.

Niemand ist da.
Steht vor mir und sieht mich mit hohlen Augen an.

Er sieht fast traurig aus.
Greift in seinen Umhang
und händigt mir ein Papier aus.

Als ich danach greife, sehe ich, dass meine Hände zittern.
Ratsuchend sehe ich ihn an.
Er regt sich nicht und starrt zurück.

„Wenn ich es nicht öffne?“
„Ändert das jetzt auch nichts mehr. Wohin ich dich bringe
gibt es keine Zeit. Und sei versichert – du würdest dir wünschen, es gäbe sie.
Wohin ich dich bringe, gibt es keinen Schlaf – und du würdest dir wünschen
alles wäre nur ein böser Traum.“
„Hab ich eine Wahl?“
Niemandes Blick trifft mich.
Unverrückt.

Also öffne ich das Papier.
Es erhebt sich ein starker Wind
und hebt mich fort
in einen/m Raum aus Weiß.

Es klingt Musik.
Ich kenne das Lied.
Es sind Posaunen.

Auf dem Richterstuhl sitze ich.
Die Wahl der Geschworenen verblüfft mich nicht.
Sie sind es.
Und ich wusste es.
Alles.
Bis hier her.

Stille liegt im Raum.
Kein Hauch regt sich.
Keiner atmet. Auch ich nicht.

Ich blicke mehr traurig als streng vom Richterstuhl.
Direkt in meine Augen.
Ich will meinem Blick ausweichen.
Doch es geht nicht.
„Das Auge sieht; jedoch das Auge nicht.“
Ich weiß, dass ein Lächeln über die Gesichter der Gläubiger huscht,
als der Gedanke durch meinen Schädel stürmt.

„Es ist verboten mit dem Delinquenten zu kommunizieren“,
und in dem Moment,
da der Schlag erschallt,
flüstert der Chor der eingeschworenen Gläubiger nur eins:

„Erinn’re dich!“

Plötzlich ist der Saal ganz leer.
Niemand ist da.
Und er weist mit der knöchrigen Hand zum schwarzen Loch.
Er weiß, was ich frage und er antwortet:
„Es ist die Hölle. Der Ort des Vergessens und des Vergessen-Werdens.
Noch keiner hat bestanden.“
Und er hat noch nicht zu Ende gesagt,
was er ausgesprochen
– da saugt mich das schwarze Loch ein und wirft mich
mitten in mich hinein.

Zuerst bin ich verwundert.
Es fühlt sich gar nicht so anders an als sonst.
Es sieht auch alles genau gleich aus.
Und als ich atmen will ist es, als söge ich dickflüssigen Schleim in mich.
Ich spucke.
Ich atme.
Nicht mehr.

Dann wird es dunkel.
Allmählich.
Vom Rand des Gesichtsfelds her.
Und ich bekomme Angst um mich.
Und um dich.
Und um dich.
Und schreie.
Doch mein Schrei ist stumm.
Und als ich ihn nicht mehr fühle, ist es finster.
Und still.
Als wäre ES hereingebrochen.
In meine Welt.
Das große Etwas.
Da ist Nichts.
Und nichts löst sich auf in…

Es ist.
Vollkommen.
Still.

Kein Gedanke stört die Ruhe.
Kein Lichtstrahl die Finsternis.
Ich habe mich aufgelöst.
In diesem.
Es.

Ich bin bewusstlos.
Deshalb habe ich Angst.
Ich versuche mich zu konzentrieren.
Doch worauf?
Ich bin aufgelöst.
Und ich fange schon an, die Angst zu vergessen,
als ich Angst vor dem Vergessen bekomme.
Da kommt ein Gedanke vorbei:

Licht.

„Wenn du die Augen schließt,“
sagt der Gedanke freundlich,
„dann siehst du vor deiner Stirn ein Licht.“

Es ist schwierig. Zu erkennen, was er meint.
Der Gedanke.
Er ist nicht zu fassen.
Er ist so schnell.
Selbst in diesem zähen Brei aus Vergessen.

Augen.
Hallt es wieder.
Augen.
Ich brauche Augen.
Und ich stelle mir Augen vor.
Die ich schließen kann.
Und eine Stirn.
Damit ich das Licht sehen kann.
Und von alleine kommt der Mund dazu.
Weil er lächeln will.

Äonen lang
betrachte ich das Licht.
Es ist das
Einzige.
Hier.
In mir.
Das ich noch habe.

Und nach einer Ewigkeit, fängt es an zu singen.
Dafür braucht es Ohren.

Und die Ohren sehnen sich nach meinen Gedanken,
die mir durch den Schädel rauschen.

Und es braucht eine Hand, mir über die Stirn zu streichen.

Langsam erinnere ich mich.

An mich.
Ich fühle mich seltsam an.
Neu.

Einmal
streicht die neue Hand
über die neue Stirn.

Und plötzlich ist das Licht fort.
Ich fürchte mich.
Und reiße schnell die Augen auf.

Da ist es.
Das Licht.
In meiner Hand.

Es liegt in meiner Hand.

Langsam gewöhne ich mich an das Licht,
und als ich mich umblicke,
finde ich mich wieder in dem Saal.

Der Richterstuhl ist leer.
Die Gläubiger stehen da und applaudieren.
Niemand ist auch da.
Und sagt:
„Keiner ist je aus dieser Hölle zurück gekommen. Nur
du.“

Ich strecke ihm die Hand entgegen und sage:
„Weil es meine Hölle ist.
Und sieh:“,
ich deute auf das Licht,

„Es liegt in meiner Hand.“

————————————–

 

Du verleihst mir Schwingen,
so dass ich meine, ich könne fliegen.

Du stutzt mir die Flügel,
so dass ich im Sand krieche, wie niederes Gewürm.

Du verhilfst mir zu Sternen
und bist meine Sonne
und du lässt mich vor Kälte erzittern
und mich das Höllenfeuer schauen.

Manchmal fliege ich,
manchmal krieche ich,
manchmal habe ich die Sterne,
manchmal fühle ich die Kälte
und das Höllenfeuer brennt.

Die Sonne scheint mir
und alles bist ja du.
Ich fühle dich aus dir heraus
in mich hinein

und du weißt es erst im Nachhinein.

Du sagst es tut dir leid!
Auch mir tut es leid, dich unter Schmerzen zu spüren.
Doch das hab‘ ich frei gewählt.

Es gibt nichts, was dir leid tun müsste,
denn ich bin stolz,
wortlos beiderseitig,
mit dir mitleiden zu dürfen.

Ist dir nicht auch manchmal so,
als wären wir Zwillinge?

Was der eine fühlt,
fühlt der andere noch stärker.

Du willst es nicht
und doch denkst du in deinem Schmerz an mich.

Und doch ist das Band, das uns verbindet,
stärker, als das des Blutes
und das der Liebenden,
die nur zarte Bande knüpfen.

Du erzählst mir oft von alten Zeiten
und ich, ich spreche nur vom Jetzt.

Doch das, was uns verbindet,
ist älter als die Zeit.

Woher ich dieses Wissen nehme?
Ich weiß es nicht,
es ist nur Ahnung.

Vielleicht schwebten wir einst
gemeinsam
von Stern zu Stern
und machten alle Höllenqualen durch,
um uns zu laben,
und zu wappnen,
für dieses Leben – hier und jetzt.

Du bist mir doch,
vertraute Seele,
nicht umsonst die Sonne hier.

So mach ich alles,
ohne Worte durch
mit deinem Herzen
und mit dir.

Frei, wie der Falke unterm Himmel,
kommt der Entschluss von irgendwo:

Es gibt nichts Schöneres auf Erden, als
mit dir zu lachen und zu werden,
was wir zwei Seelen einmal sind.

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TRINKEN BIS ZUM
MORGENBLAUEN
IN MASSEN GENOSSEN,
DER WAHRHEIT
ANS LICHT GERÜCKT

——————————-

Der Trug
schien
beim Fenster herein
und spiegelte sich
an der Türklinke wider.

Die Türklinke wiederum
trog
in ihrem Messingschein,
war nicht geputzt.

Kam mir vor
wie ein spätsommerlicher
Sonnenstrahl.
Der aber nicht schien,
sondern trog,
wie es schien.
In der Türklinke,
mit der Türklinke,
durchs Fenster gefallen
mit der Tür ins Haus.

Der Schein trügt eben doch.

————————————-

Nichts ist.

– Wie es scheint.

Nichts ist wie es scheint,
nur am Grund des Brunnens
widerleuchtet
fahl und blass
der Mond.

Und blickst hinab
siehst du
im Grunde
den Mond
wie oben,
da er still die ewig gleichen Bahnen zieht.

Trügt er nun,
der Schein?

Nichts scheint, wie es ist.

Nichts scheint.
Wie es ist.
Es ist.

—————————–

Ich hafte
an der Zeit,
in der Zeit,
so wie die Gravitation mich zwingt,
am Boden
zu haften.

Die Zeit,
die Zeit,
wie sie mich am Boden haften macht.

Würde doch lieber hoch fliegen
wie meine Gedanken,
und schweben,
doch die Zeit
– die
irgendwie

nicht Vorhandene,
doch Zehrende,
zwingt mich

nicht zu schweben,
da ich doch schwebe.

Blatt als Boden.
Blatt Papier?
Viel gefürchtetes Zifferblatt –

Die Antwort,
näher betrachtet
(hingesehen)
– trachtend nach der Frage
ist doch,
die Frage selbst.

Abgewandtes Kinn
ist mehr Antwort als Frage

Zunge?
Sprichst du?
Zunge!

Es spricht zu mir,
abgelöst,
der Atem
und die Röte
auf Wangen,
weich.
Keine Worte mehr.

Schädelbrausende Worte,
die Zunge will sie formen
die Antworten die Fragen stellen,
die Zunge schreit:
Nimm!
Der Boden nimmt
in seiner Bodenlosigkeit Form an
und schwankt
– letztendlich.

Neue Facette des Blicks zu Boden,
auf den Boden.

Wie oft hab ich hingesehen?
Bodenlos.
Kein auf den Hund kommen in Sicht.

Weit und breit der Boden
auf dem ich säe.

Schau nochmal hin
in diesen bodenlosen Blick,
der unverändert,
und erst im letzten Augenblick,
verliert er sich,

der Boden
unter den Füßen
und weichen Knien.

——————————

Lass uns den Kelch der Gnade nehmen
und Liebe daraus trinken.

Lass uns den Kelch der Liebe nehmen
und Leben daraus trinken.

Lass uns den Kelch des Lebens nehmen
und Lachen daraus trinken.

Lass uns den Kelch des Lachens nehmen
und Sehnsucht daraus trinken.

Lass uns den Kelch der Sehsucht nehmen
und Gnade daraus trinken,
dass wir uns bald schon
in die Arme wieder sinken.

————————-

Da geht sie unter, die Sonne,
in ihrem schönsten Rot und Blau und Violett,
mit allen Zwischentönen.

Den Wolken schmeichelnd,
die Farben tragend
und noch Stunden wird es dauern,
für das geübte Auge,
bis die inigoschwarze Nacht
sich über unslegt.

Der Tag in meinem Herzen
währt nur kurz,
die Dämmerung meines Geistes
hält an
und die Schwärze meiner Nächte
kann keiner überbieten.

Da heißt es dann immer,
„geistig umnachtet“,
doch die Nacht des Geistes
ist meist die Nacht des Herzens.

Wenn das Herz kein Rot mehr sieht
und der Geist kein Gletscherblau,
dann ist alles verloren.

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I

Die Bewusstlosigkeit schlägt mir um die Ohren,
wie der Nebel eines kalten Novembertages.

Langsam und trüb kommt mir die Erinnerung,
dass ich mich an nichts erinnere.

II

– Dunkel und verschwommen erinnere ich mich dann doch:
ich hatte viel vor.

Und da blendet mich der Strahl der Bewusstheit:
Nichts von dem ist getan.

III

Der Blick der Bewusstheit, bewusstlos zu sein,
wird immer klarer.
Der tiefen Unzufriedenheit,
ziehe ich die Bewusstlosigkeit vor,
oft bewusst herbeigeführt,
anstatt aus einer Reihe von Übersprungshandlungen
echtes Handeln werden zu lassen.

IV

Brauche ich jetzt den Nebel noch,
da ich mit einiger ernsthafter Zuwendung
und doch hindurchsehe?

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Wo ist der Sommer
Wo der Herbst?
Wo der Anfang
– wo das Ende?

Wo ist das Gestern
wenn ich über das Heute
zum Morgen schreite?

Wo ist der erste Gedanke,
wenn ich den Platz
zwischen Schlafen und Wachen verlasse?
Wo der Ort, an dem die Träume noch bei mir sind?
– dieser Garten der Offenbarung?

Wo – in all der Zeit –
bin ich gestorben?

Und habe nicht einmal bemerkt,
dass ich tot bin?

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Wo denkst du hin,
vermeintlich einsames Herz?

Du denkst
dich in andere Herzen.

Du denkst
du seist einsam.

Du schleichst
dich langsam hinein,
in die Herzen anderer.

Langsam und sorgsam.

So viele Herzen in denen du bist.

Wo denkst du hin,
vermeintlich einsames Herz.